Ein endokriner Disruptor wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert als „ein Stoff oder ein Gemisch, das die Funktionen des endokrinen Systems verändert und dadurch schädliche Wirkungen in einem intakten Organismus, in seiner Nachkommenschaft oder in (Teil-)Populationen hervorruft“.
Diese Definition, die heute in der delegierten Verordnung (EU) 2023/707 zur Einstufung und Kennzeichnung von Stoffen aufgenommen wurde, betont einen wesentlichen Punkt: Es reicht nicht aus, wenn eine Substanz mit dem Hormonsystem interagiert, sie muss eine nachgewiesene schädliche Wirkung hervorrufen.
Zur Erinnerung: Das endokrine System umfasst alle Drüsen und Hormone, die wichtige Funktionen des Organismus regulieren : Wachstum, Stoffwechsel, Fortpflanzung, neurologische Entwicklung oder die Stressreaktion. Hormone wirken in sehr niedrigen Konzentrationen über spezifische Rezeptoren und unterliegen äußerst feinen Rückkopplungsmechanismen. Damit eine Substanz formell als endokriner Disruptor identifiziert werden kann, müssen drei Kriterien erfüllt sein: Sie muss eine endokrine Aktivität aufweisen, eine schädliche Wirkung auf die Gesundheit hervorrufen, und es muss ein plausibler biologischer Zusammenhang zwischen dieser hormonellen Aktivität und der beobachteten Wirkung bestehen.
Mit anderen Worten werden nicht automatisch alle Substanzen mit hormoneller Aktivität als endokrine Disruptoren eingestuft. Ebenso ist eine reproduktionstoxische Substanz nicht zwangsläufig ein endokriner Disruptor, wenn ihr Wirkmechanismus keine Beeinträchtigung des Hormonsystems beinhaltet.
Mechanistisch gesehen können endokrine Disruptoren auf verschiedene Weise wirken : die Wirkung eines körpereigenen Hormons nachahmen, indem sie an dessen Rezeptor binden, die Hormonwirkung blockieren, indem sie diese Bindung verhindern, oder die Synthese, den Transport, den Stoffwechsel oder die Ausscheidung von Hormonen verändern. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren je nach Anwendungszusammenhang auf unterschiedlichen Wegen erfolgen kann, einschließlich dermaler, respiratorischer oder oraler Aufnahme. Im Fall von Kosmetika stellt die Haut den Hauptaufnahmeweg dar, ist jedoch nicht der einzige. Tatsächlich sind auch Inhalation über Sprays und Parfums sowie orale Aufnahme über Lippenpflegeprodukte möglich.